Sonntag, 15. Februar 2009

Weihnachtsschock

Lange nicht gesehen. Ich versuche mich auf den Moment vorzubereiten. Die Autofahrt durch die winterliche Landschaft, ich erinnere es kaum, das Gebäude, der Geruch. Hineingehen, die Treppen hoch. Den Flur entlang. An ihrem Zimmer vorbei, wo die Schmetterlinge an der Tür kleben. Ihr Name steht dran. 

Dann in den Aufenthaltsraum, es ist fast Mittagszeit. Ich drehe mich und schaue in die Runde, erkenne zum ersten Mal die eingene Mutter auf Anhieb nicht mehr.

Sie hat einen Schutzhelm auf dem Kopf, sitzt mit angezogenen Beinen in einem Sessel mit Fuss-Stütze, der Kiefer total eingefallen.

Verkrampft. Dünn.  

S. füttert sie. Das ist gut, da hat man wenigstens was zu tun. Es ist besser als weinen, aber weinen muss man ja auch.  Kleben ihr so trockene Dinger in den Augenwinkeln und am Mund. Die Haare spriessen, wie es sich bei einem Damenbart so gehört. 

Tante Lina, sagte sie immer, die hatte so Mitesser, so dicke schwarze Dinger am Hals, die hatte sie gebeten, sie ja bloss nicht mit den Mitessern so rumlaufen zu lassen, falls sie das nicht mehr selber machen könnte. Ich hätte der Mama so gern, so liebevoll die Härchen abgesäbelt... aber im wilden Aktionismus blieb für diesen stillen Moment und die Geste wieder mal keine Zeit. 

Ich habe ein paar Fotos gemacht,  auf die Schnelle, mit dem Handy. Die trage ich später nach. 

Was kann man dazu sagen? Leere Hülse? Oder nur alt und krank? 

Jede Nacht wird sie umgelegt, sie kann sich alleine nicht mehr drehen. In ihrem Zimmer eine Liste, Positionen, Lagen, Kürzel,  Unterschriften.  Ist von einer Person zu einem noch lebenden Objekt geworden?

Keine Kommentare: