Samstag, 27. März 2010

Siegrid Chamberlain: Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind: Über zwei NS-Erziehungsbücher


Kundenrezension: 

Das vorliegende Buch ist ein äußerst wichtiges Buch in den Bereichen Psychologie, Zeitgeschichte, Pädagogik sowie Kommunikationsfragen.

Es ist eine Abrechnung mit den Säuglingspflegebüchern "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" - welches nach dem 2. Weltkrieg unter dem leicht geänderten Titel "Die Mutter und ihr erstes Kind" wieder erschien - und "Unsere kleinen Kinder" von Johanna Haarer.

Johanna Haarer wurde auf dem Gebiet der Säuglingspflege und Kleinkindererziehung zur maßgebenden Autorität. Die Bücher der 1900 geborenen Ärztin erreichten ab 1934 innerhalb von kurzer Zeit enorme Auflagen.

Doch nicht erst heute, sondern bereits in den 20-er und frühen 30-er Jahren wusste die Fachwelt darüber Bescheid, dass die spezifischen Pflegeregeln, die von Haarer aufgestellt und in der Folge prägend wurden, einem Ingangkommen einer harmonischen Mutter-Kind-Beziehung abträglich waren. Weshalb sie dennoch vertreten und popularisiert wurden, wird nur vor dem Hintergrund der politischen, pädagogischen und massenpsychologischen Interessen des nationalsozialistischen Staates verständlich: Die Hitlerjugend und nicht eine glückliche Mutter-Kind-Beziehung sollte dem nationalsozialistischen Menschen das erste Gemeinschaftserlebnis vermitteln.

Als Initiator der genannten Bücher fungierte der nationalsozialistische Verleger Julius F. Lehmann. Er schaute sich ständig nach Autoren um und versuchte, sie für seine politischen Ziele einzuspannen. Als "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" erschien, herrschte keinerlei Mangel an Literatur über Säuglingspflege.

Haarer vermittelte den Müttern in ihren Erziehungsbüchern, Kinder seien u.a. gierig, faul, gefräßig, zerstörerisch, unsauber, sie wollen die Erwachsenen tyrannisieren, ihre Aufmerksamkeit erzwingen u.a.m. und die Mutter müsse mit allen Mitteln dagegen ankämpfen. Sigrid Chamberlain meint, dass Haarer an einer Kindphobie litt. Eine Mutter, die ihr Kind als Gegner ansieht, kann keine gesunde Bindung zu ihm aufbauen.

Durch die sofortige Trennung nach der Geburt konnte die Mutter ihr natürliches Potential gegenüber dem Baby nicht entfalten und war umso mehr auf Anweisungen angewiesen. Haarers Pflegeanweisungen hatten schwere Folgen für das Leben mit dem Kind. Es gab kein Spielen und "Bummeln" beim Baden, Wickeln, Füttern, kein "Trödeln" an der Brust. Das Kind wurde in einem ständigen Spannungszustand gehalten. Es fehlten ihm Muße und Experimentiermöglichkeiten. Das sich-beschäftigen mit dem Baby oder Kleinkind wurde als "Tändeln" abgewertet. Ein zwangloses sich-beschäftigen mit dem Baby ist jedoch für den Aufbau einer gesunden Beziehung notwendig.

Die Regeln, die Haarer für das Stillen und Füttern aufstellte, sind bestens dazu geeignet, die bereits durch die 24-stündige Trennung von Mutter und Baby vor der ersten Mahlzeit bestehenden Probleme zu vermehren: Es wurden strenge Zeiten für das Stillen bzw. die Flaschenfütterung vorgegeben. Eine Brustmahlzeit dürfe nicht länger als 20 Minuten dauern, eine Flaschenmahlzeit 10 Minuten. Ab einem halben Jahr wird jede Fütterung sofort abgebrochen, wenn das Kind Schwierigkeiten irgendeiner Art macht. Hunger sei der beste Koch.

Das Kind hat durch all diese Vorschriften nie die Gelegenheit, entspannt in seinem eigenen Rhythmus zu saugen, da Lutschen und "Bummeln" nicht erlaubt waren und es nur darauf ankam, Brust oder Flasche in möglichst kurzer Zeit leergetrunken zu haben. Im Gegensatz dazu muss ein Stillvorgang, der die psychischen und physischen Bedürfnisse des Babys erfüllt, es ihm ermöglichen, den aktiven Phasen schnellen Saugens solche des langsamen Nuckelns oder auch Lutschens folgen zu lassen.

Bei einer gesunden Bindung passt sich die Mutter mit ihrer Sprechweise den Hörbedürfnissen des Babys an. Sie regt es zu einem regelrechten Dialog an. Das Baby lernt so sehr früh die Regeln des Gesprächs von Rede und Gegenrede. Dem nach Haarer erzogenen Kind bleibt dies verwehrt. Denn Haarer warnt davor, mit dem Kind in einer "Kindersprache" zu reden. Doch eine Stimme, die den Hörbedürfnissen des Babys nicht entspricht, kann es so sehr erschrecken, dass es sich spontan abwendet und zu weinen anfängt. Nach Haarer sei das Kind bei "Maulen" mit einem "augenblicklichen Klaps" zu bestrafen. Sie spricht von Befehl und Gehorsam.

Bei konsequenter Erziehung nach Haarer resultiert eine pathologische unsicher-vermeidende Bindung an die Mutter. Ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung einer unsicher-vermeidenden Bindung ist die Zurückweisung von Körperkontakt. Dass Körperkontakt zwischen Mutter und Baby lästig, schädlich, unzweckmäßig und folglich so weit wie möglich zu vermeiden sei, ist etwas, was Haarer immer wieder zum Ausdruck bringt.

Die existenziellen Interessen von Kindern wurden permanent mit Füßen getreten. Das Kind erfuhr eine vollständige Missachtung seiner Gefühle, Befindlichkeiten, Bedürfnisse. Das frühe Aberziehen und Ersterben lassen von Gefühlen führte letztlich zur Fühllosigkeit, zum inneren Todsein.

Im Nationalsozialismus hatten sogenannte "Schwächlinge" keine Daseinsberechtigung. Mitleid und Mitgefühl mit Schwachen und Kranken galt als der "innere Schweinehund", den es zu besiegen galt. Viele Kinder empfanden Krankheit als etwas strafwürdiges, was es zu verheimlichen galt. Sigrid Chamberlain schildert Beispiele von Kindern, denen es sehr schlecht ging, und die sich nicht trauten, sich an den zuständigen Erwachsenen zu wenden. Die Beziehung zum Kind lag manchmal so im argen, dass das Kind krank sein konnte, ohne dass dies jemandem auffiel.

Die Folgen der Erziehung nach Johanna Haarer sind bis in die heutige Zeit reichend: Manche der betroffenen damaligen Kinder spüren ihren eigenen Körper kaum, wenn sie Beschwerden haben, übergehen sie sie permanent. Sie können sehr schwer Nein sagen. Sie können nicht ICH sagen. Eigene Wünsche zu äußern, fällt ihnen schwer. Auch bei den eigenen Kindern fällt der Umgang mit Gefühlen schwer.

Abschließend befasst sich die Autorin mit der Person Hitlers. Hitlers Mutter Klara hatte ein schweres Schicksal erlitten: innerhalb von wenigen Wochen starben ihre ersten drei Kinder, darunter ein Baby, an Diphtherie. Nach den Säuglingsforschern Klaus und Kennell können die Vorgänge des Aufbaues und des Abbaues von Bindungen nur schwer nebeneinander ablaufen. Klara Hitler war zum Zeitpunkt Adolfs Geburt demnach aufgrund der noch nicht beendeten Trauerphase noch nicht wieder in der Lage, sich an ihr Kind zu binden. Die Autorin erläutert ausführlich die Bedeutung der Bindungslosigkeit in Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung Adolf Hitlers.

Symptome und Theorien

* Starkes Sicherheitsbedürfnis der Eltern

* Haus => Festung. Rausgehen ist nicht.

* Hang zur Befehlsbereitschaft?

* Flugzeuglärm - Unwohlsein (Sommer, Garten, Rattern...)

* Nationalsozialistische Erziehungspolitik und -praktik

Bindungstraumata
sind  frühe Verlusterfahrungen
         emotionale Vernachlässigung
         sexuelle und körperliche Gewalt
         psychische Erkrankungen der Eltern
         Mangelleiden (Hunger, Kälte)

Ich fahndete bei meinem Vater nicht nach politischen Motiven. Es gab keine. Sie waren nicht erkennbar und nicht spürbar. Viele Kinder meiner Generation waren in ihrer Sozialisation den Deformierungen ihrer Kriegsväter ausgesetzt. Offene Kriegstraumata, die sich in Schrullen, Merkwürdigkeiten, Kleinkariertem, Ungerechtem, Jähzorn, Härte und einer nicht kindgerechten Erbarmungslosigkeit ihren Weg bahnten. Das hinterließ bei uns allen Spuren. Bei den Kindern von Landsern, Offizieren, SS-Führern. Es waren Kinder von Befehlshabern und KZ-Aufsehern, von Inhaftierten und Verfolgten, sie alle hätten ihre Geschichte zu erzählen. Sie blieb unerzählt. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion war zu undeutsch. Wer sich und sein Vorgehen, sein Erlebtes reflektierte, hatte gefälligst zur Waffe zu greifen und sich durch den Kopf zu schießen. In der Selbstreflexion schlummerte die Gefahr der Mitschuld - und die musste verdrängt werden. Egal, ob politische oder soldatische Schuld.



Wie Kriegskinder ihr Trauma vererben

URL:
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,610297,00.html
MEHR AUF SPIEGEL ONLINE:
Traumatische Erlebnisse: Die Kinder des Krieges erinnern sich (01.11.2008)
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,585965,00.html
DER SPIEGEL: Bruch des bösen Zaubers
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-58656897.html

27. Februar 2009, 14:57 Uhr

Verdrängter Schrecken
Wie Kriegskinder ihr Trauma vererben


Von Ulrike Demmer

Kriegskinder leiden unter den Erlebnissen des Zweiten Weltkriegs noch heute weit stärker als bislang angenommen - und sie haben das unverarbeitete Trauma an die nächste Generation weiter gegeben. [...]

"Sind sie krank?", hat ihn neulich seine Apothekerin gefragt. Da war er ausnahmsweise mal im Schritttempo an ihrem Schaufenster vorbei gebummelt und nicht gerannt, wie sonst immer. Tatsächlich ist Michael Ermann immer in Eile. [...]

Seine Erklärung dafür: Die Kriegserlebnisse als Kind. [...]  

Ermanns Studie ergab, dass Kriegskinder heute weit häufiger unter psychischen Störungen wie Ängsten, Depressionen und psychosomatischen Beschwerden leiden als der Bevölkerungsdurchschnitt. [...]

Die wenigsten Kriegskinder führen ihre Leiden allerdings auf ihre Erfahrungen im Krieg zurück. Ihnen schien das Erlebte normal, und sei es auch noch so grauenhaft gewesen. Zwar sei in den meisten Familien über den Krieg gesprochen worden, sagt Ermann, allerdings fast ausschließlich in ritualisierter Form, als Abenteuergeschichte oder witzige Anekdote. Die Kriegskinder fühlten sich fremd im eigenen Leben, haben ihr Schicksal nicht ernstgenommen.  [...]

Die Kriegsenkel, wie Michael Ermann sie nennt, haben die Ängste ihrer Eltern sozusagen geerbt, leiden unter den Verlust- und Mangelerfahrungen, ohne den Krieg selbst erlebt zu haben. Sind etwa die Eltern als Kinder aus der Heimat vertrieben worden, fühlt sich zum Beispiel auch noch die Enkelgeneration heimatlos und entwurzelt. [...]


Das Leiden der Kriegsenkel

Den Enkeln wird heute erst langsam klar, welche Auswirkungen die ihnen oft unbekannte Kriegskindheit ihrer Eltern auf ihr Leben hat.  [...]  "Ich habe das Gefühl, niemals anzukommen."

Von ihren mühsamen Versuchen, sich von dem extrem ausgeprägten Sicherheitsdenken ihrer Eltern zu emanzipieren [...]