Samstag, 27. März 2010

Siegrid Chamberlain: Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind: Über zwei NS-Erziehungsbücher


Kundenrezension: 

Das vorliegende Buch ist ein äußerst wichtiges Buch in den Bereichen Psychologie, Zeitgeschichte, Pädagogik sowie Kommunikationsfragen.

Es ist eine Abrechnung mit den Säuglingspflegebüchern "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" - welches nach dem 2. Weltkrieg unter dem leicht geänderten Titel "Die Mutter und ihr erstes Kind" wieder erschien - und "Unsere kleinen Kinder" von Johanna Haarer.

Johanna Haarer wurde auf dem Gebiet der Säuglingspflege und Kleinkindererziehung zur maßgebenden Autorität. Die Bücher der 1900 geborenen Ärztin erreichten ab 1934 innerhalb von kurzer Zeit enorme Auflagen.

Doch nicht erst heute, sondern bereits in den 20-er und frühen 30-er Jahren wusste die Fachwelt darüber Bescheid, dass die spezifischen Pflegeregeln, die von Haarer aufgestellt und in der Folge prägend wurden, einem Ingangkommen einer harmonischen Mutter-Kind-Beziehung abträglich waren. Weshalb sie dennoch vertreten und popularisiert wurden, wird nur vor dem Hintergrund der politischen, pädagogischen und massenpsychologischen Interessen des nationalsozialistischen Staates verständlich: Die Hitlerjugend und nicht eine glückliche Mutter-Kind-Beziehung sollte dem nationalsozialistischen Menschen das erste Gemeinschaftserlebnis vermitteln.

Als Initiator der genannten Bücher fungierte der nationalsozialistische Verleger Julius F. Lehmann. Er schaute sich ständig nach Autoren um und versuchte, sie für seine politischen Ziele einzuspannen. Als "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" erschien, herrschte keinerlei Mangel an Literatur über Säuglingspflege.

Haarer vermittelte den Müttern in ihren Erziehungsbüchern, Kinder seien u.a. gierig, faul, gefräßig, zerstörerisch, unsauber, sie wollen die Erwachsenen tyrannisieren, ihre Aufmerksamkeit erzwingen u.a.m. und die Mutter müsse mit allen Mitteln dagegen ankämpfen. Sigrid Chamberlain meint, dass Haarer an einer Kindphobie litt. Eine Mutter, die ihr Kind als Gegner ansieht, kann keine gesunde Bindung zu ihm aufbauen.

Durch die sofortige Trennung nach der Geburt konnte die Mutter ihr natürliches Potential gegenüber dem Baby nicht entfalten und war umso mehr auf Anweisungen angewiesen. Haarers Pflegeanweisungen hatten schwere Folgen für das Leben mit dem Kind. Es gab kein Spielen und "Bummeln" beim Baden, Wickeln, Füttern, kein "Trödeln" an der Brust. Das Kind wurde in einem ständigen Spannungszustand gehalten. Es fehlten ihm Muße und Experimentiermöglichkeiten. Das sich-beschäftigen mit dem Baby oder Kleinkind wurde als "Tändeln" abgewertet. Ein zwangloses sich-beschäftigen mit dem Baby ist jedoch für den Aufbau einer gesunden Beziehung notwendig.

Die Regeln, die Haarer für das Stillen und Füttern aufstellte, sind bestens dazu geeignet, die bereits durch die 24-stündige Trennung von Mutter und Baby vor der ersten Mahlzeit bestehenden Probleme zu vermehren: Es wurden strenge Zeiten für das Stillen bzw. die Flaschenfütterung vorgegeben. Eine Brustmahlzeit dürfe nicht länger als 20 Minuten dauern, eine Flaschenmahlzeit 10 Minuten. Ab einem halben Jahr wird jede Fütterung sofort abgebrochen, wenn das Kind Schwierigkeiten irgendeiner Art macht. Hunger sei der beste Koch.

Das Kind hat durch all diese Vorschriften nie die Gelegenheit, entspannt in seinem eigenen Rhythmus zu saugen, da Lutschen und "Bummeln" nicht erlaubt waren und es nur darauf ankam, Brust oder Flasche in möglichst kurzer Zeit leergetrunken zu haben. Im Gegensatz dazu muss ein Stillvorgang, der die psychischen und physischen Bedürfnisse des Babys erfüllt, es ihm ermöglichen, den aktiven Phasen schnellen Saugens solche des langsamen Nuckelns oder auch Lutschens folgen zu lassen.

Bei einer gesunden Bindung passt sich die Mutter mit ihrer Sprechweise den Hörbedürfnissen des Babys an. Sie regt es zu einem regelrechten Dialog an. Das Baby lernt so sehr früh die Regeln des Gesprächs von Rede und Gegenrede. Dem nach Haarer erzogenen Kind bleibt dies verwehrt. Denn Haarer warnt davor, mit dem Kind in einer "Kindersprache" zu reden. Doch eine Stimme, die den Hörbedürfnissen des Babys nicht entspricht, kann es so sehr erschrecken, dass es sich spontan abwendet und zu weinen anfängt. Nach Haarer sei das Kind bei "Maulen" mit einem "augenblicklichen Klaps" zu bestrafen. Sie spricht von Befehl und Gehorsam.

Bei konsequenter Erziehung nach Haarer resultiert eine pathologische unsicher-vermeidende Bindung an die Mutter. Ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung einer unsicher-vermeidenden Bindung ist die Zurückweisung von Körperkontakt. Dass Körperkontakt zwischen Mutter und Baby lästig, schädlich, unzweckmäßig und folglich so weit wie möglich zu vermeiden sei, ist etwas, was Haarer immer wieder zum Ausdruck bringt.

Die existenziellen Interessen von Kindern wurden permanent mit Füßen getreten. Das Kind erfuhr eine vollständige Missachtung seiner Gefühle, Befindlichkeiten, Bedürfnisse. Das frühe Aberziehen und Ersterben lassen von Gefühlen führte letztlich zur Fühllosigkeit, zum inneren Todsein.

Im Nationalsozialismus hatten sogenannte "Schwächlinge" keine Daseinsberechtigung. Mitleid und Mitgefühl mit Schwachen und Kranken galt als der "innere Schweinehund", den es zu besiegen galt. Viele Kinder empfanden Krankheit als etwas strafwürdiges, was es zu verheimlichen galt. Sigrid Chamberlain schildert Beispiele von Kindern, denen es sehr schlecht ging, und die sich nicht trauten, sich an den zuständigen Erwachsenen zu wenden. Die Beziehung zum Kind lag manchmal so im argen, dass das Kind krank sein konnte, ohne dass dies jemandem auffiel.

Die Folgen der Erziehung nach Johanna Haarer sind bis in die heutige Zeit reichend: Manche der betroffenen damaligen Kinder spüren ihren eigenen Körper kaum, wenn sie Beschwerden haben, übergehen sie sie permanent. Sie können sehr schwer Nein sagen. Sie können nicht ICH sagen. Eigene Wünsche zu äußern, fällt ihnen schwer. Auch bei den eigenen Kindern fällt der Umgang mit Gefühlen schwer.

Abschließend befasst sich die Autorin mit der Person Hitlers. Hitlers Mutter Klara hatte ein schweres Schicksal erlitten: innerhalb von wenigen Wochen starben ihre ersten drei Kinder, darunter ein Baby, an Diphtherie. Nach den Säuglingsforschern Klaus und Kennell können die Vorgänge des Aufbaues und des Abbaues von Bindungen nur schwer nebeneinander ablaufen. Klara Hitler war zum Zeitpunkt Adolfs Geburt demnach aufgrund der noch nicht beendeten Trauerphase noch nicht wieder in der Lage, sich an ihr Kind zu binden. Die Autorin erläutert ausführlich die Bedeutung der Bindungslosigkeit in Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung Adolf Hitlers.

Symptome und Theorien

* Starkes Sicherheitsbedürfnis der Eltern

* Haus => Festung. Rausgehen ist nicht.

* Hang zur Befehlsbereitschaft?

* Flugzeuglärm - Unwohlsein (Sommer, Garten, Rattern...)

* Nationalsozialistische Erziehungspolitik und -praktik

Bindungstraumata
sind  frühe Verlusterfahrungen
         emotionale Vernachlässigung
         sexuelle und körperliche Gewalt
         psychische Erkrankungen der Eltern
         Mangelleiden (Hunger, Kälte)

Ich fahndete bei meinem Vater nicht nach politischen Motiven. Es gab keine. Sie waren nicht erkennbar und nicht spürbar. Viele Kinder meiner Generation waren in ihrer Sozialisation den Deformierungen ihrer Kriegsväter ausgesetzt. Offene Kriegstraumata, die sich in Schrullen, Merkwürdigkeiten, Kleinkariertem, Ungerechtem, Jähzorn, Härte und einer nicht kindgerechten Erbarmungslosigkeit ihren Weg bahnten. Das hinterließ bei uns allen Spuren. Bei den Kindern von Landsern, Offizieren, SS-Führern. Es waren Kinder von Befehlshabern und KZ-Aufsehern, von Inhaftierten und Verfolgten, sie alle hätten ihre Geschichte zu erzählen. Sie blieb unerzählt. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion war zu undeutsch. Wer sich und sein Vorgehen, sein Erlebtes reflektierte, hatte gefälligst zur Waffe zu greifen und sich durch den Kopf zu schießen. In der Selbstreflexion schlummerte die Gefahr der Mitschuld - und die musste verdrängt werden. Egal, ob politische oder soldatische Schuld.



Wie Kriegskinder ihr Trauma vererben

URL:
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,610297,00.html
MEHR AUF SPIEGEL ONLINE:
Traumatische Erlebnisse: Die Kinder des Krieges erinnern sich (01.11.2008)
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,585965,00.html
DER SPIEGEL: Bruch des bösen Zaubers
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-58656897.html

27. Februar 2009, 14:57 Uhr

Verdrängter Schrecken
Wie Kriegskinder ihr Trauma vererben


Von Ulrike Demmer

Kriegskinder leiden unter den Erlebnissen des Zweiten Weltkriegs noch heute weit stärker als bislang angenommen - und sie haben das unverarbeitete Trauma an die nächste Generation weiter gegeben. [...]

"Sind sie krank?", hat ihn neulich seine Apothekerin gefragt. Da war er ausnahmsweise mal im Schritttempo an ihrem Schaufenster vorbei gebummelt und nicht gerannt, wie sonst immer. Tatsächlich ist Michael Ermann immer in Eile. [...]

Seine Erklärung dafür: Die Kriegserlebnisse als Kind. [...]  

Ermanns Studie ergab, dass Kriegskinder heute weit häufiger unter psychischen Störungen wie Ängsten, Depressionen und psychosomatischen Beschwerden leiden als der Bevölkerungsdurchschnitt. [...]

Die wenigsten Kriegskinder führen ihre Leiden allerdings auf ihre Erfahrungen im Krieg zurück. Ihnen schien das Erlebte normal, und sei es auch noch so grauenhaft gewesen. Zwar sei in den meisten Familien über den Krieg gesprochen worden, sagt Ermann, allerdings fast ausschließlich in ritualisierter Form, als Abenteuergeschichte oder witzige Anekdote. Die Kriegskinder fühlten sich fremd im eigenen Leben, haben ihr Schicksal nicht ernstgenommen.  [...]

Die Kriegsenkel, wie Michael Ermann sie nennt, haben die Ängste ihrer Eltern sozusagen geerbt, leiden unter den Verlust- und Mangelerfahrungen, ohne den Krieg selbst erlebt zu haben. Sind etwa die Eltern als Kinder aus der Heimat vertrieben worden, fühlt sich zum Beispiel auch noch die Enkelgeneration heimatlos und entwurzelt. [...]


Das Leiden der Kriegsenkel

Den Enkeln wird heute erst langsam klar, welche Auswirkungen die ihnen oft unbekannte Kriegskindheit ihrer Eltern auf ihr Leben hat.  [...]  "Ich habe das Gefühl, niemals anzukommen."

Von ihren mühsamen Versuchen, sich von dem extrem ausgeprägten Sicherheitsdenken ihrer Eltern zu emanzipieren [...]

Montag, 10. August 2009

Lachen

Lächeln. Zum Beispiel, eine Fernsehsendung ist angekündigt. Alle starren gespannt auf den Bildschirm. Nichts passiert. Muttern sagt trocken:  "Sehr interessant". Und gnickert.

Und hoffentlich hat die Mama wirklich ihren Enkel erkannt, hoffentlich ja oder hoffentlich eher nicht. Denn wenn noch Denk-Masse vorhanden wäre, wäre auch mehr Leidenswahrnehmung aller Art, subjektiv und objektiv, vorhanden. Was wünscht man sich als Angehöriger, was wünscht man dem Betroffenen selbst?

Sonntag, 15. Februar 2009

Geschichte der Russlanddeutschen

Versuch einer Stückelung-Kittung.. whatever

Überfall auf die Sowjetunion http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Russlanddeutschen

Im Juni 1941 begann der deutsche Einmarsch in die Sowjetunion, der über 20 Millionen Menschen das Leben kosten sollte. Mit dem schnellen Vorstoß der Wehrmacht befanden sich ca. 20 % der Russlanddeutschen plötzlich unter NS-Herrschaft, was sie nur vorläufig vor Stalins Plänen schützen sollte, sie allesamt in die Verbannung zu schicken. Dessen "krankhaftes Misstrauen" ging so weit, dass er im November 1941 auch die 100.000 Russlanddeutschen an der Front aus der ohnehin durch "Säuberungen" geschwächten Roten Armee entfernen ließ.

Der Vater war im Krieg gewesen, sagte sie, damals, auf welcher Seite weiss ich nicht. 

Unter deutscher Besetzung

Den verhältnismäßig kleineren Teil der Russlanddeutschen auf der deutschen Seite der Front versuchten die Nationalsozialisten nun als „volksdeutsche“ Instrumente nationalsozialistischen Rassenwahns zu benutzen. Als die Rote Armee die besetzten Gebiete zurückerobern konnte, wurden die Ukrainedeutschen in den „Warthegau“ (im besetzten Polen) umgesiedelt. Mit der deutschen Niederlage gerieten etwa 100.000 dieser Neusiedler  wieder in den Machtbereich der Sowjets und wurden ebenfalls deportiert.

Ja, der Warthegau, das stand auch in ihrem Aufsatz im Schulheft, nach dem langen Trek auf dem sie alle und alles verloren hatte, ist sie genau im 'Warthegau' angekomment. Das Nazi-Flair dieses Wortes. Dass das im Osten war, wussten wir, Polen, jetzt wissen mer's genau. Vielleicht hatte sie auch noch Riesenglück, denn dort wurde sie vom Roten Kreuz in den Westen gebracht, die Waise. Sonst wäre sie vielleicht wieder zurück nach Russland gekommen. Orpheline de guerre. Pas drôle quand même.

Deportationen

Nach Beginn des Krieges wurden mehr als 1.200.000 Russlanddeutsche entsprechend dem Erlass des Obersten Sowjets vom 28. August 1941 innerhalb weniger Wochen unter dem Vorwurf der Kollaboration mit Deutschland aus den europäischen Teilen der Sowjetunion nach Osten – vorwiegend Sibirien, Kasachstan und in den Ural deportiert.

So muss es ihrer Schwester und anderen Mitgliedern der Familie entgangen sein. Die Teile der Familie, die sie erst Jahrzehnte später wiedergesehen hat, nach dem Mauerfall, ihre Schwester, zwei Brüder, Cousinen und Cousins. Bei den Kühen geschlafen wegen der Wärme. 

Sieht man deren Gesichter, Beine, die Körper sind Zeugen von rauhesten Umgebungen, Deportation, Sibirien. Ja, viele waren in Kasachstan, heute noch denke ich an den Cousin aus Duschanbe. Und die Geschichte, dass man die Mädchen gegen Kamele an die 'Schwarzen' (=Muslime, wahrscheinlich) verheiratet hatte...

Der Erlaß des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 „Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Volga-Rayons leben“ lautete:

Entsprechend glaubwürdigen Nachrichten, die die Militärbehörden erhalten haben, befinden sich unter der in den Volga-Rayons lebenden deutschen Bevölkerung Tausende und Zehntausende von Diversanten und Spionen, die nach einem aus Deutschland gegebenen Signal in den von den Wolgadeutschen besiedelten Rayons Sprenganschläge verüben sollen.

Über die Anwesenheit einer so großen Zahl von Diversanten und Spionen unter den Wolgadeutschen hat den Sowjetbehörden keiner der in den Volga-Rayons ansässigen Deutschen gemeldet, folglich verbirgt die deutsche Bevölkerung der Volga-Rayons in ihrer Mitte Feinde des Sowjetvolkes und der Sowjetmacht.
Im Falle von Diversionsakten, die auf Weisung aus Deutschland durch deutsche Diversanten und Spione in der Republik der Wolgadeutschen oder in den angrenzenden Rayons ausgeführt werden sollen, und im Falle, daß es zum Blutvergießen kommen wird, wird die Sowjetregierung entsprechend den zur Kriegszeit geltenden Gesetzen gezwungen sein, Strafmaßnahmen zu ergreifen.
Um aber unerwünschte Ereignisse dieser Art zu vermeiden und ernsthaftes Blutvergießen zu verhindern, hat das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR es für notwendig befunden, die gesamt deutsche Bevölkerung, die in den Volga-Rayons ansässig ist, in andere Rayons umzusiedeln, und zwar derart, daß den Umzusiedelnden Land zugeteilt und bei der Einrichtung in den neuen Rayons staatliche Unterstützung gewährt werden soll.
Für die Ansiedlung sind die an Ackerland reichen Rayons der Gebiete Novosibirsk und Omsk, der Region Altaj, Kazachstans und weitere benachbarte Gegenden zugewiesen worden.
Im Zusammenhang damit ist das Staatliche Verteidigungskomitee angewiesen worden, die Umsiedlung aller Wolgadeutschen und die Zuweisung von Grundstücken und Nutzland an die umzusiedelnden Wolgadeutschen in den neuen Rayons unverzüglich in Angriff zu nehmen.
Der Vorsitzende des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR
gez. M. Kalinin
Der Sekretär des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR
gez. A. Gorkin
Moskau, Kreml,
28. August 1941

Gefunden im Kasten mit den vielen Papieren, einen Bittbrief an Kalinin, um ein Familienmitglied von jemandem aus Frankfurt ausreisen zu lassen, wenn ich das richtig erinnere. Maschinengetippt. Den habe ich gescannt, finde ich noch. Die Rayons. Ja. Omskaja Oblast. Stand auch immer auf den Briefen (siehe Post CCCP). 

Familien wurden auseinandergerissen, die Menschen wurden mit Viehwaggons transportiert und irgendwo in den Steppen Kasachstans ‚abgekippt’, wo sie sich Erdhütten gruben und mit Entsetzen dem bevorstehenden Winter entgegensahen. Wieder andere wurden Kolchosen zugewiesen und mussten dort nach Überlebensmöglichkeiten suchen, die man den ‚Faschisten’ eigentlich gar nicht zubilligte. Gleichzeitig wurden ihre staatsbürgerlichen Rechte aberkannt und ihr Eigentum bis auf ein geringes Handgepäck eingezogen. Die meisten von ihnen – im Alter zwischen 14 und 60 Jahren – mussten in Arbeitslagern unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Mehrere Hunderttausend – die nicht ermittelte Zahl schwankt um 700.000 – starben in dieser Zeit vor allem an schlechten Arbeits-, Lebens- oder medizinischen Bedingungen.

Tod und Verbannung

Die Deutschen wurden der Sonderverwaltung (Kommandantur) unterstellt und praktisch zu rechtlosen Arbeitssklaven gemacht, die dann im Herbst 1941 zusammen mit deutschen Kriegsgefangenen, darunter auch Zivilisten, in die sogenannte Trudarmee (von "труд" für "Arbeit") interniert wurden. Unter militärischer Willkür mussten sogar Jugendliche bei unzureichender Ernährung und bei extremer Kälte körperliche Schwerstarbeit verrichten.

Weihnachtsschock

Lange nicht gesehen. Ich versuche mich auf den Moment vorzubereiten. Die Autofahrt durch die winterliche Landschaft, ich erinnere es kaum, das Gebäude, der Geruch. Hineingehen, die Treppen hoch. Den Flur entlang. An ihrem Zimmer vorbei, wo die Schmetterlinge an der Tür kleben. Ihr Name steht dran. 

Dann in den Aufenthaltsraum, es ist fast Mittagszeit. Ich drehe mich und schaue in die Runde, erkenne zum ersten Mal die eingene Mutter auf Anhieb nicht mehr.

Sie hat einen Schutzhelm auf dem Kopf, sitzt mit angezogenen Beinen in einem Sessel mit Fuss-Stütze, der Kiefer total eingefallen.

Verkrampft. Dünn.  

S. füttert sie. Das ist gut, da hat man wenigstens was zu tun. Es ist besser als weinen, aber weinen muss man ja auch.  Kleben ihr so trockene Dinger in den Augenwinkeln und am Mund. Die Haare spriessen, wie es sich bei einem Damenbart so gehört. 

Tante Lina, sagte sie immer, die hatte so Mitesser, so dicke schwarze Dinger am Hals, die hatte sie gebeten, sie ja bloss nicht mit den Mitessern so rumlaufen zu lassen, falls sie das nicht mehr selber machen könnte. Ich hätte der Mama so gern, so liebevoll die Härchen abgesäbelt... aber im wilden Aktionismus blieb für diesen stillen Moment und die Geste wieder mal keine Zeit. 

Ich habe ein paar Fotos gemacht,  auf die Schnelle, mit dem Handy. Die trage ich später nach. 

Was kann man dazu sagen? Leere Hülse? Oder nur alt und krank? 

Jede Nacht wird sie umgelegt, sie kann sich alleine nicht mehr drehen. In ihrem Zimmer eine Liste, Positionen, Lagen, Kürzel,  Unterschriften.  Ist von einer Person zu einem noch lebenden Objekt geworden?

Samstag, 8. November 2008

CCCP

Das stand immer auf den Briefen. Lange her. Das waren Briefe mit einer seltsam geschwungenen lateinischen Schrift, wie ungewohnt, mit kleinen Blümchen auf dem Briefumschlag.

Wenn solche Briefe im Briefkasten lagen, wobei man sagen muss, das die Mutter ja eigentlich ziemlich wild auf Post war, gelle?, also 'diese' Briefe waren immer von ganz besonderer Bedeutung.

Sie kamen von Leuten, die Namen wie Wanda hatten und andere, an die ich mich nicht mehr erinnere.

Hier gibt es noch viel zu schreiben. 

Stalin. Im Kuhstall leben und den Winter mit der Tierwärme bekämpfen. Die Dort-Gebliebenen, die Nicht-in-den-Westen geflohenen, das war ihr Schicksal. In Kasachstan, in der Ukraine, in Moldawien vielleicht. Kein höherer Bildungsweg stand den Kindern dieser Familien offen, lange nach dem Krieg. Der Blick in den Goldenen Westen, bis dann endlich Deutschland seine Russlanddeutschen eingeholt hat. 

Haare, später (10 Jahre später, grins)

Sieht doch genauso aus, die Haartracht, schick eingelegt, mit Lockenwicklern, die in einem alten Plastik-Blumenkasten im Badezimmer lagen. Ganz frisch frisiert und schick, stolz mit dem gelben Zwerg im Arm, selbstgehäkelt und freut sich. Gut eingewickelt, das kleine Baby, obwohl es ja zumindest  Kurzärmel-Pullover-Wetter zu sein scheint. Freu.

Haare


Tja, unglücklich sieht die Gerti hier ja eigentlich nicht aus, eher schick aus dem Ei gepellt mit prima Röckchen-Kleidchen und der angesagten Frisur,

jahaaaaa, die Frisur. The frisur. Das bringt mich zum Thema Haare, Frisör.
Diese Frisur, sagte Mutti immer, passt zu ihrer Kopfform, da sie 'einen dicken Kopf' hätte. War eindeutig ihre Lieblingsfrisur seit immer und für immer, aber in wechselnden Farbtönen.

Bis dann im Altenheim die weissen Härchen länger wuchsen, wachsen durften. Aber da konnte sie schon nichts mehr dazu sagen.

Dienstag, 28. Oktober 2008

...wie sie war


Energetisch. Als ich klein war, wollte ich nicht aufräumen. Schwupps kommt die Mutter mit dem Müllsack. Allerdings durfte ich dann doch wieder Sachen da rausfischen, nachher.
Und geh raus spielen, an die frische Luft, Stubenhocker.

Kuchen hat sie gern gebacken, Ihre Spezialität war der Frankfurter Kranz, mit Vanille-Sahne-Crème und selbstgerösteten Mandeln.

Mannomann, wenn man sich mal so erinnern will, fällt einem auf Kommando gar nicht so viel ein.

"Gefühlsautist", genetisch bedingt? Lange dachte ich, das waere durch die traumatische Flucht gekommen, aber vielleicht ist das einfach ein Charakterzug, vererbt..anteilig.

Und immer wieder der Garten. Riesenlange riesenviel Arbeit reingesteckt. Rasen mähen aber dann die Blumen, immer wieder ein neues Blümchen.
Und die Natur, die ihr immer Ruhe und Kraft, Abstand, gegeben hat.

Sie hat erzählt, wenn die Oma (ihre Adoptivmutter) geschimpft hätte, wäre sie immer rausgegangen, gelaufen, über die Felder, um sich zu beruhigen.
Die Oma hat glaube ich oft geschimpft.

Einmal sind wir nach Rostock gefahren, nach Rügen, wo sie immer so gerne hinwollte.

Montag, 27. Oktober 2008

Trauern

Mehr als Worte für den Schmerz Die Neurowissenschaft und das Trauern

... was noch da ist


Januar 2007

Vielleicht ist es einfacher, sich zunächst zu erinnern, um besser trauern zu können.

Bergdorf, Odessa

Sandra sagt gestern, auf Google Earth wäre das zu finden und hiesse Kolosovo.
Ich geh' mal schauen.

Drei Pfund ohne Knochen (S)

Gerti mit ihrem Galgenhumor. Unverwüstlich. Immer wieder auf die Pfoten fallen. Ihre Sprichwörter und Sprüche für alle Fälle, an die man sich immer wieder erinnert. Lokaler Dialekt.
Hier eine Auswahl:

Drei Pfund ohne Knochen (S) => Sandra, willst Du das hier auf dem Blog erklären was das heisst oder ist das eindeutig? lach


Rakebesen
Ich mach Dir die Beine spitz
Blusterhenne
Mach die Neppe zu (heisst: sei still)
rumprokeln

Geschichte

Als ich klein war, habe ich immer überall rumgeschnüffelt. Einmal habe ich ein blaues altes DIN-A 5 Schulheft gefunden, von Mama geschrieben. Es war ein Aufsatz, 'meine Geschichte'.
Es fing an mit dem Korea Krieg, und dann beschrieb sie ihre Flucht aus Russland, wie sie ihre Familie verloren hat, nie wiedergesehen, und dann in den 'Warthegau' kam, vom Roten Kreuz nach Deutschland gebracht und dort schliesslich adoptiert wurde.
Hoffentlich haben wir das Heft noch irgendwo und sie hat es nicht weggeschmissen.