Sonntag, 15. Februar 2009

Geschichte der Russlanddeutschen

Versuch einer Stückelung-Kittung.. whatever

Überfall auf die Sowjetunion http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Russlanddeutschen

Im Juni 1941 begann der deutsche Einmarsch in die Sowjetunion, der über 20 Millionen Menschen das Leben kosten sollte. Mit dem schnellen Vorstoß der Wehrmacht befanden sich ca. 20 % der Russlanddeutschen plötzlich unter NS-Herrschaft, was sie nur vorläufig vor Stalins Plänen schützen sollte, sie allesamt in die Verbannung zu schicken. Dessen "krankhaftes Misstrauen" ging so weit, dass er im November 1941 auch die 100.000 Russlanddeutschen an der Front aus der ohnehin durch "Säuberungen" geschwächten Roten Armee entfernen ließ.

Der Vater war im Krieg gewesen, sagte sie, damals, auf welcher Seite weiss ich nicht. 

Unter deutscher Besetzung

Den verhältnismäßig kleineren Teil der Russlanddeutschen auf der deutschen Seite der Front versuchten die Nationalsozialisten nun als „volksdeutsche“ Instrumente nationalsozialistischen Rassenwahns zu benutzen. Als die Rote Armee die besetzten Gebiete zurückerobern konnte, wurden die Ukrainedeutschen in den „Warthegau“ (im besetzten Polen) umgesiedelt. Mit der deutschen Niederlage gerieten etwa 100.000 dieser Neusiedler  wieder in den Machtbereich der Sowjets und wurden ebenfalls deportiert.

Ja, der Warthegau, das stand auch in ihrem Aufsatz im Schulheft, nach dem langen Trek auf dem sie alle und alles verloren hatte, ist sie genau im 'Warthegau' angekomment. Das Nazi-Flair dieses Wortes. Dass das im Osten war, wussten wir, Polen, jetzt wissen mer's genau. Vielleicht hatte sie auch noch Riesenglück, denn dort wurde sie vom Roten Kreuz in den Westen gebracht, die Waise. Sonst wäre sie vielleicht wieder zurück nach Russland gekommen. Orpheline de guerre. Pas drôle quand même.

Deportationen

Nach Beginn des Krieges wurden mehr als 1.200.000 Russlanddeutsche entsprechend dem Erlass des Obersten Sowjets vom 28. August 1941 innerhalb weniger Wochen unter dem Vorwurf der Kollaboration mit Deutschland aus den europäischen Teilen der Sowjetunion nach Osten – vorwiegend Sibirien, Kasachstan und in den Ural deportiert.

So muss es ihrer Schwester und anderen Mitgliedern der Familie entgangen sein. Die Teile der Familie, die sie erst Jahrzehnte später wiedergesehen hat, nach dem Mauerfall, ihre Schwester, zwei Brüder, Cousinen und Cousins. Bei den Kühen geschlafen wegen der Wärme. 

Sieht man deren Gesichter, Beine, die Körper sind Zeugen von rauhesten Umgebungen, Deportation, Sibirien. Ja, viele waren in Kasachstan, heute noch denke ich an den Cousin aus Duschanbe. Und die Geschichte, dass man die Mädchen gegen Kamele an die 'Schwarzen' (=Muslime, wahrscheinlich) verheiratet hatte...

Der Erlaß des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 „Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Volga-Rayons leben“ lautete:

Entsprechend glaubwürdigen Nachrichten, die die Militärbehörden erhalten haben, befinden sich unter der in den Volga-Rayons lebenden deutschen Bevölkerung Tausende und Zehntausende von Diversanten und Spionen, die nach einem aus Deutschland gegebenen Signal in den von den Wolgadeutschen besiedelten Rayons Sprenganschläge verüben sollen.

Über die Anwesenheit einer so großen Zahl von Diversanten und Spionen unter den Wolgadeutschen hat den Sowjetbehörden keiner der in den Volga-Rayons ansässigen Deutschen gemeldet, folglich verbirgt die deutsche Bevölkerung der Volga-Rayons in ihrer Mitte Feinde des Sowjetvolkes und der Sowjetmacht.
Im Falle von Diversionsakten, die auf Weisung aus Deutschland durch deutsche Diversanten und Spione in der Republik der Wolgadeutschen oder in den angrenzenden Rayons ausgeführt werden sollen, und im Falle, daß es zum Blutvergießen kommen wird, wird die Sowjetregierung entsprechend den zur Kriegszeit geltenden Gesetzen gezwungen sein, Strafmaßnahmen zu ergreifen.
Um aber unerwünschte Ereignisse dieser Art zu vermeiden und ernsthaftes Blutvergießen zu verhindern, hat das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR es für notwendig befunden, die gesamt deutsche Bevölkerung, die in den Volga-Rayons ansässig ist, in andere Rayons umzusiedeln, und zwar derart, daß den Umzusiedelnden Land zugeteilt und bei der Einrichtung in den neuen Rayons staatliche Unterstützung gewährt werden soll.
Für die Ansiedlung sind die an Ackerland reichen Rayons der Gebiete Novosibirsk und Omsk, der Region Altaj, Kazachstans und weitere benachbarte Gegenden zugewiesen worden.
Im Zusammenhang damit ist das Staatliche Verteidigungskomitee angewiesen worden, die Umsiedlung aller Wolgadeutschen und die Zuweisung von Grundstücken und Nutzland an die umzusiedelnden Wolgadeutschen in den neuen Rayons unverzüglich in Angriff zu nehmen.
Der Vorsitzende des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR
gez. M. Kalinin
Der Sekretär des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR
gez. A. Gorkin
Moskau, Kreml,
28. August 1941

Gefunden im Kasten mit den vielen Papieren, einen Bittbrief an Kalinin, um ein Familienmitglied von jemandem aus Frankfurt ausreisen zu lassen, wenn ich das richtig erinnere. Maschinengetippt. Den habe ich gescannt, finde ich noch. Die Rayons. Ja. Omskaja Oblast. Stand auch immer auf den Briefen (siehe Post CCCP). 

Familien wurden auseinandergerissen, die Menschen wurden mit Viehwaggons transportiert und irgendwo in den Steppen Kasachstans ‚abgekippt’, wo sie sich Erdhütten gruben und mit Entsetzen dem bevorstehenden Winter entgegensahen. Wieder andere wurden Kolchosen zugewiesen und mussten dort nach Überlebensmöglichkeiten suchen, die man den ‚Faschisten’ eigentlich gar nicht zubilligte. Gleichzeitig wurden ihre staatsbürgerlichen Rechte aberkannt und ihr Eigentum bis auf ein geringes Handgepäck eingezogen. Die meisten von ihnen – im Alter zwischen 14 und 60 Jahren – mussten in Arbeitslagern unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Mehrere Hunderttausend – die nicht ermittelte Zahl schwankt um 700.000 – starben in dieser Zeit vor allem an schlechten Arbeits-, Lebens- oder medizinischen Bedingungen.

Tod und Verbannung

Die Deutschen wurden der Sonderverwaltung (Kommandantur) unterstellt und praktisch zu rechtlosen Arbeitssklaven gemacht, die dann im Herbst 1941 zusammen mit deutschen Kriegsgefangenen, darunter auch Zivilisten, in die sogenannte Trudarmee (von "труд" für "Arbeit") interniert wurden. Unter militärischer Willkür mussten sogar Jugendliche bei unzureichender Ernährung und bei extremer Kälte körperliche Schwerstarbeit verrichten.

Weihnachtsschock

Lange nicht gesehen. Ich versuche mich auf den Moment vorzubereiten. Die Autofahrt durch die winterliche Landschaft, ich erinnere es kaum, das Gebäude, der Geruch. Hineingehen, die Treppen hoch. Den Flur entlang. An ihrem Zimmer vorbei, wo die Schmetterlinge an der Tür kleben. Ihr Name steht dran. 

Dann in den Aufenthaltsraum, es ist fast Mittagszeit. Ich drehe mich und schaue in die Runde, erkenne zum ersten Mal die eingene Mutter auf Anhieb nicht mehr.

Sie hat einen Schutzhelm auf dem Kopf, sitzt mit angezogenen Beinen in einem Sessel mit Fuss-Stütze, der Kiefer total eingefallen.

Verkrampft. Dünn.  

S. füttert sie. Das ist gut, da hat man wenigstens was zu tun. Es ist besser als weinen, aber weinen muss man ja auch.  Kleben ihr so trockene Dinger in den Augenwinkeln und am Mund. Die Haare spriessen, wie es sich bei einem Damenbart so gehört. 

Tante Lina, sagte sie immer, die hatte so Mitesser, so dicke schwarze Dinger am Hals, die hatte sie gebeten, sie ja bloss nicht mit den Mitessern so rumlaufen zu lassen, falls sie das nicht mehr selber machen könnte. Ich hätte der Mama so gern, so liebevoll die Härchen abgesäbelt... aber im wilden Aktionismus blieb für diesen stillen Moment und die Geste wieder mal keine Zeit. 

Ich habe ein paar Fotos gemacht,  auf die Schnelle, mit dem Handy. Die trage ich später nach. 

Was kann man dazu sagen? Leere Hülse? Oder nur alt und krank? 

Jede Nacht wird sie umgelegt, sie kann sich alleine nicht mehr drehen. In ihrem Zimmer eine Liste, Positionen, Lagen, Kürzel,  Unterschriften.  Ist von einer Person zu einem noch lebenden Objekt geworden?

Samstag, 8. November 2008

CCCP

Das stand immer auf den Briefen. Lange her. Das waren Briefe mit einer seltsam geschwungenen lateinischen Schrift, wie ungewohnt, mit kleinen Blümchen auf dem Briefumschlag.

Wenn solche Briefe im Briefkasten lagen, wobei man sagen muss, das die Mutter ja eigentlich ziemlich wild auf Post war, gelle?, also 'diese' Briefe waren immer von ganz besonderer Bedeutung.

Sie kamen von Leuten, die Namen wie Wanda hatten und andere, an die ich mich nicht mehr erinnere.

Hier gibt es noch viel zu schreiben. 

Stalin. Im Kuhstall leben und den Winter mit der Tierwärme bekämpfen. Die Dort-Gebliebenen, die Nicht-in-den-Westen geflohenen, das war ihr Schicksal. In Kasachstan, in der Ukraine, in Moldawien vielleicht. Kein höherer Bildungsweg stand den Kindern dieser Familien offen, lange nach dem Krieg. Der Blick in den Goldenen Westen, bis dann endlich Deutschland seine Russlanddeutschen eingeholt hat. 

Haare, später (10 Jahre später, grins)

Sieht doch genauso aus, die Haartracht, schick eingelegt, mit Lockenwicklern, die in einem alten Plastik-Blumenkasten im Badezimmer lagen. Ganz frisch frisiert und schick, stolz mit dem gelben Zwerg im Arm, selbstgehäkelt und freut sich. Gut eingewickelt, das kleine Baby, obwohl es ja zumindest  Kurzärmel-Pullover-Wetter zu sein scheint. Freu.

Haare


Tja, unglücklich sieht die Gerti hier ja eigentlich nicht aus, eher schick aus dem Ei gepellt mit prima Röckchen-Kleidchen und der angesagten Frisur,

jahaaaaa, die Frisur. The frisur. Das bringt mich zum Thema Haare, Frisör.
Diese Frisur, sagte Mutti immer, passt zu ihrer Kopfform, da sie 'einen dicken Kopf' hätte. War eindeutig ihre Lieblingsfrisur seit immer und für immer, aber in wechselnden Farbtönen.

Bis dann im Altenheim die weissen Härchen länger wuchsen, wachsen durften. Aber da konnte sie schon nichts mehr dazu sagen.

Dienstag, 28. Oktober 2008

...wie sie war


Energetisch. Als ich klein war, wollte ich nicht aufräumen. Schwupps kommt die Mutter mit dem Müllsack. Allerdings durfte ich dann doch wieder Sachen da rausfischen, nachher.
Und geh raus spielen, an die frische Luft, Stubenhocker.

Kuchen hat sie gern gebacken, Ihre Spezialität war der Frankfurter Kranz, mit Vanille-Sahne-Crème und selbstgerösteten Mandeln.

Mannomann, wenn man sich mal so erinnern will, fällt einem auf Kommando gar nicht so viel ein.

"Gefühlsautist", genetisch bedingt? Lange dachte ich, das waere durch die traumatische Flucht gekommen, aber vielleicht ist das einfach ein Charakterzug, vererbt..anteilig.

Und immer wieder der Garten. Riesenlange riesenviel Arbeit reingesteckt. Rasen mähen aber dann die Blumen, immer wieder ein neues Blümchen.
Und die Natur, die ihr immer Ruhe und Kraft, Abstand, gegeben hat.

Sie hat erzählt, wenn die Oma (ihre Adoptivmutter) geschimpft hätte, wäre sie immer rausgegangen, gelaufen, über die Felder, um sich zu beruhigen.
Die Oma hat glaube ich oft geschimpft.

Einmal sind wir nach Rostock gefahren, nach Rügen, wo sie immer so gerne hinwollte.

Montag, 27. Oktober 2008

Trauern

Mehr als Worte für den Schmerz Die Neurowissenschaft und das Trauern

... was noch da ist


Januar 2007

Vielleicht ist es einfacher, sich zunächst zu erinnern, um besser trauern zu können.

Bergdorf, Odessa

Sandra sagt gestern, auf Google Earth wäre das zu finden und hiesse Kolosovo.
Ich geh' mal schauen.

Drei Pfund ohne Knochen (S)

Gerti mit ihrem Galgenhumor. Unverwüstlich. Immer wieder auf die Pfoten fallen. Ihre Sprichwörter und Sprüche für alle Fälle, an die man sich immer wieder erinnert. Lokaler Dialekt.
Hier eine Auswahl:

Drei Pfund ohne Knochen (S) => Sandra, willst Du das hier auf dem Blog erklären was das heisst oder ist das eindeutig? lach


Rakebesen
Ich mach Dir die Beine spitz
Blusterhenne
Mach die Neppe zu (heisst: sei still)
rumprokeln

Geschichte

Als ich klein war, habe ich immer überall rumgeschnüffelt. Einmal habe ich ein blaues altes DIN-A 5 Schulheft gefunden, von Mama geschrieben. Es war ein Aufsatz, 'meine Geschichte'.
Es fing an mit dem Korea Krieg, und dann beschrieb sie ihre Flucht aus Russland, wie sie ihre Familie verloren hat, nie wiedergesehen, und dann in den 'Warthegau' kam, vom Roten Kreuz nach Deutschland gebracht und dort schliesslich adoptiert wurde.
Hoffentlich haben wir das Heft noch irgendwo und sie hat es nicht weggeschmissen.